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  • Michael & Maya

    Mitglied
    5. Juni 2024 um 0:26

    Hallo,

    was Deine Dosieranlange in mV anzeigt, ist nicht etwa die Chlorkonzentration, sondern das sog, Redoxpotential. Chemisch gesprochen: Das Redoxpotential beschreibt die elektrische Spannung zwischen einem Halbelement und der Standardwasserstoffelektrode in (Milli)Volt. Es ist ein Maß für das Oxidations- bzw Reduktionsvermögen eines Redoxsystems. Das heißt, das Redoxpotential ist ein Maß für die Oxidationsfähigkeit und somit das Keimabötungsvermögen Deines Beckenwassers. Diese Oxidationsfähigkeit hängt nicht direkt mit Chlor zusammen, d.h. auch wenn Du zur Desinfektion statt Chlor (egal ob in Form von Chlorbleichlauge, Chlortabletten oder Salzwasserelektrolyse) Brom oder Aktivsauerstoff (also Wasserstoffperoxid) verwendest, wird das Redoxpotential entsprechend ansteigen. Der notwendige Wert für eine ausreichende Keimabtötung (angestrebt wird eine Keimabtötung innerhalb von 30sec) ist abhängig von der Wassertemperatur sowie dem pH-Wert des Wassers (je höher das eine oder das andere ist, desto höher muß auch der Redoxwert sein). Bei pH 7 und Temperaturen unter 30° sollten es mindestens 750mV sein, über 30° oder bei einem pH>7 steigt der notwendige Wert an (mind. 780mV, ggf. mehr, je nach Werten). Die Verwendung des Redoxwerts hat den Vorteil, daß die Bestimmung einfacher und billiger ist als die direkte Chlormessung und auch bei anderen Desinfektionsmitteln als Chlor funktioniert, der Nachteil ist, daß der Redoxwert ein sog. Surrogatparameter ist, der eben nicht direkt den Chlorwert angibt, sondern einen Hilfsparameter. Der Redoxwert ist darüber hinaus diversen Störeinflüssen unterworfen (z.B. Belastung des Wassers mit organischen Substanzen verringert ihn) und reagiert auch deutlich träger als die Messung des Chlorwerts. Es gibt also keinen direkten Zusammenhang zwischen Chlorwert und Redoxpotential und daher auch keine Umrechnung. Der Redoxwert ist ledliglich ein Hinweis darauf, ob die Desinfektionskapazität ausreichend ist. Da er im Gegensatz zu einer direkten Chlormessung recht träge auf Chlordosierung reagiert, kann also eine trägheitsbedingte Unter- oder Überdosierung des Clors durch eine Dosieranlage nicht ausgeschlossen werden. Teurere Dosieranlagen haben daher drei Meßelektroden, nämlich für pH, direkten Chlorwert und Redoxpotential. Eine pH- oder Redoxelektrode kostet um 100€, eine Chlorelektrode um 250€. Die Fa. Pooldigital bietet unter dem Namen ‘Violet’, wie ich inzwischen entdeckt habe, eine relativ preisgünstige (im Vergleich zu Bayrol und Speck) Poolsteuerung inkl. direkter Chlormessung an (Bayrol um 7000€, Speck etwa gleich, bei Pooldigital komplette Poolsteuerung und Dosierung rund 2000€ inkl. Pumpen, Meßzelle, Elektroden und Zubehör).

    Es ist also auf jeden Fall nötig, außer dem Redoxpotential über die Dosieranlage auch den Wert an freiem Chlor im Wasser regelmäßig zu messen, am besten mit einem elektronischen Pooltester wie Poollab2, der insgesamt 24 Wasserwerte (u.a. auch den Cyanursäure-Wert (wichtig, falls man sog. organische Chlordesinfektion verwendet) sowie den TA-Wert (totale Alkalinität oder auch Carbonathärte, sowie auch die Calciumhärte des Wassers messen kann, die ebenfalls regelmäßig gemessen werden sollten, da sie für die pH-Stabilität des Wassers wichtig sind). Schütteltester und Teststreifen sind nicht genau genug und so ein Pooltester mißt photometrisch präzise und kost nur um 150€. Zum Tester gehör eine Handy-App, die die Werte schon direkt entspr. pH und Cyanursäure umrechnet und auch Dosierungshinweise gibt. Es gibt aber auch im Internet entspr. Umrechnungstabellen und Apps, die das erledigen.
    Beim direkt gemessenen Chlorwert muß noch berücksichtigt werden, daß man diesen entsprechend dem aktuellen pH-Wert sowie der Cyanursäure-Konzentration im Wasser (soweit man sog, organisches Chlor zur Desinfektion verwendet) korrigieren muß. Sollte man Chlorbleichlauge über ein Dosiergerät verwenden, spielt dieser Wert normalerweise keine Rolle, sofern man nicht zusätzlich organisches Chlor in Tablettenform zusätzlich zugegeben hat (was bei einem Außenpool zur Stabilisierung des Chlorwerts gegen UV-bedingte Chlorzehrung durchaus Sinn machen kann). Sollte man mit Chlortabletten oder Granulat arbeiten, so handelt es sich fast immer um organisches Chlor (genauer gesagt um Trichlorisocyanursäure). Diese bindet einen Teil des Chlors, schützt das Chlor vor UV-bedingten Abbau und stabilisiert den Chlorwert in Außenpools (ansonsten würden sich bei Sonneneinstrahlung binnen 3h 90% des Chlors im Wasser buchstäblich in Luft auflösen). Nun muß man noch wissen, daß der pH-Wert im elektronischen Tester bei einem pH von 6.4 gemessen wird. Wenn dabei z.B. ein Wert von 1mg/l (bzw. ppm) gemessen wird, dann ist bei dem angestrebten pH-Wert im Wasser von 7 nur noch ein aktiver Chlorwert von 0,78mg/l verfügbar. Bei steigendem pH-Wert nimmt dieser Wert rapide ab und die Desinfektionsleistung verschlechtert sich entsprechend (es würde also entsprechend mehr Chlor gebraucht. Außerdem ist die Wirkung des Flockungsmittels in hohem Maße pH-abhängig. Aus diesem und anderen Gründen (mögliche Beschädigung des Pools bei stark abweichenden pH-Werten) ist die Einhaltung des korrekten pH-Werts zwischen 6.8 und 7.2 absolut essentiell für sauberes, klares, hygienisches Wasser). Wenn wie erwähnt organisches Chlor verwendet wird, muß der Wert an freiem Chlor zur Bestimmung des für die Desinfektion verfügbaren aktiven Chlors noch um den Cyanursäurewert korrigiert werden. Es wird eine Cynaursäurekonzentration im Wasser zwischen 10 und 20mg/l angestrebt. Darunter kann das Chlor durch UV-Einstrahlung zu sehr reduziert werden, darüber wird zu viel freies Chlor an Cyanursäure gebunden und steht dann nicht für die Desinfektion zur Verfügung. Wenn der gemessene Wert von 1mg/l freies Chlor im Meßgerät also entsprechend dem pH-Wert von 7 auf 0,78 korrigiert wurde, muß er z.B. bei einem Cyanursäure-Wert von 20mg/l noch mal auf rund 65% davon, also 0.507mg/l reduziert werden. Da in Schwimmbädern Werte an aktivem Chlor von mindestens 0.3-0.6mg/l empfohlen werden (bei 30° Wassertemperatur mind. 1mg/l), kann also ein gemessener Wert von 1mg/l, der dem Anschein nach ausreichend ist, in Wirklichkeit schon recht knapp sein, besonders wenn bei einem Außenpool bei hohen Temperaturen, UV-Einstrahlung und verstärktem Badebetrieb im Sommer der Eintrag an organischen Substanzen und Baktierien einerseits und der Chlorverbrauch infolge UV-Einstrahlung und Verbrauch durch Desinfektion andererseits eine hohe Belastung des Wassers entsteht. In diesem Zusammenhang kommt es dann insbesondere auf eine effiziente Filtration und Flockung an. Für klares, hygienisches Wasser sind eine Flockung (am besten über eine Dosierpumpe mit Zugabe direkt vor der Pumpe oder zwischen Pumpe und Filter) sowie ein ausreichend dimensionierter Filter (Beispiel: 50m³ Pool, 80cm-Filterdurchmesser, 30m³ Pool: mind. 50-60cm) sowie eine frequenzgesteuerte, regelbare Pumpe (für effiziente Filterung wird eine Fließgeschwindigkeit im Filter von höchstens 30m/h angestrebt, sonst wird der Dreck einfach durch den Filter durchgepült und landet wieder im Pool, für die Rückspülung des Filters ist hingegen eine Fließgeschwindigkeit von 50-60m/h erfoderlich, sonst wird der Filter nicht richtig sauber. Daher ist eine regelbare Pumpe absolut erforderlich) mit ausreichender Leistung unerlässlich. Hier wird regelmäßig unterdimensioniert und dann wundert man sich über trübes Wasser mit Algen etc…Ich weiß, das war jetzt viel Theorie auf einmal, aber die Materie ist komplex und der Teufel steckt wie üblich im Detail. Ich hoffe, dies hat geholfen und falls noch Fragen sind, könnt Ihr Euch gern an mich wenden (ich sollte erwähnen, daß ich von Beruf Intensivmediziner bin und eine Weterbildung in Klinikhygiene habe, die auch Trinkwasser- und (Schwimm-)Bäderhygiene und Wasseraufbereitung unfasst und mich daher auf dem Gebiet gut auskenne).